Der Mythos der „Outside Agitators“ als Strategie zur Delegitimierung antirassistischer Bewegungen: Vom Civil Rights Movement zur Revolte von 2020

Viola Huang, 3.6.2020

[Update: Eine gekürzte Version dieses Beitrags wurde am 9.6. auf der Website des Digitalen Forschungsmagazins der Universität Passau veröffentlicht.]

Seit Beginn der derzeitigen Proteste und Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt in den USA, behaupten Präsident Trump, andere Politiker und Politikerinnen sowie Vertreter*innen der Polizei, die Proteste seien von Außen gesteuert oder gingen von sogenannten „Outside Agitators“ – also etwa zugereisten Protest-Touristen – aus. Bedauerlicherweise übernehmen Medien in den USA wie auch in Deutschland diese Behauptungen unkritisch oder verbreiten diese Aussagen, ohne sie zumindest kritisch zu hinterfragen. Die Website des ZDF etwa schrieb: „Für die jüngsten Ausschreitungen macht Trump Linksradikale und die Antifa verantwortlich,”[1] während Tagesschau.de den Gouverneur Minnesotas unkritisch zitierte: „Minnesotas Gouverneur Walz erklärte dagegen unter Verweis auf Ermittlungen, offenbar werde die Gewalt von rivalisierenden Drogengangs, weißen Rassisten und Anarchisten angeheizt.“[2] Und obwohl ein anderer Artikel derselben Website immerhin konstatiert, dass die Behauptung, die Mehrheit der in Minneapolis Verhafteten seien Personen aus anderen Bundesstaaten falsch ist, so findet sich im gleichen Artikel doch auch folgende Formulierung: „Derweil wird in den USA weiter diskutiert, warum die Proteste so eskaliert sind – und wer möglicherweise dahintersteckt. Trump machte die Antifa und radikale Linke verantwortlich.“[3] Nicht nur wird hier die Spekulation darüber, dass jemand hinter den Protesten stecken muss, kritiklos reproduziert – ganz so als sei es unvorstellbar, dass die erneute Tötung eines Afroamerikaners durch Polizisten Grund genug für die Proteste sei – sondern auch die Talking Points von Trump über ‚die Antifa‘ und Linksradikale werden hier kommentarlos weitergetragen. Kurzum, diese kontextlose Wiederholung des Vorwurfes, Linke, Antifas, Anarchisten oder unbestimmte „Outside Agitators“ wären die Ursache für die Proteste, lässt sich in diversen Medienberichten ausmachen.[4] Nur vereinzelt finden sich Artikel, die diese Behauptungen ausführlich und gut recherchiert widerlegen, wie etwa ein Beitrag von Patrick Gensing auf Tagesschau.de[5], welcher auch die verschwörungstheoretische und antisemitische Dimension der Falschbehauptungen über von Antifas unterwanderten Protesten diskutiert.

Zusätzlich zur Unhaltbarkeit dieser Behauptungen und ihrem verschwörungstheoretischen Kern ist der Mythos der „Outside Agitators“ aber auch aus historischer Sicht ein gefährlicher, der dazu dient Protestbewegungen zu diffamieren und zu spalten. Dieser Artikel zeigt anhand von Fallbeispielen aus der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre auf, auf welche Art damals wie heute antirassistischer Protest mit Hilfe des Begriffs der „Outside Agitators“ bekämpft wurde.

„Outside Agitators“: Die langweiligen Fakten

Davon abgesehen, dass allein die Anzahl der amerikanischen Städte, in denen derzeit Zehntausende auf die Straßen gehen, der Behauptung widerspricht, ‚Zugereiste‘ oder so diffamierte ‚Krawall-Touristen‘ seien die tragende Kraft der Proteste, stehen auch harte Daten diesen Behauptungen entgegen. Bereits am Samstag (30.5.2020) ergaben Recherchen von Journalist*innen vor Ort, so etwa die des lokalen NBC-Partners KARE 11, dass die überwiegende Mehrheit der in Minneapolis und St. Paul festgenommenen Demonstrant*innen ihren Wohnsitz im Staate Minnesota haben, und nur einige wenige aus Nachbarstaaten wie Wisconsin stammen.[6] Und selbst ein interner Report des F.B.I.s fand keine Anhaltspunkte dafür, dass die Antifa wesentlich in die Proteste in Washington, D.C. involviert war.[7] Auch wenn die Demonstranten natürlich als multiethnische Koalitionen angesehen werden können, so entbehrt dennoch die Behauptung, (weiße, linke) Außenseiter*innen seien die treibende Kraft, jeglicher empirischer Grundlage.

„Outside Agitators“: Die Geschichte eines Kampfbegriffes gegen antirassistische Bewegungen

Wichtiger aber als die empirische Unhaltbarkeit der Behauptung „Outside Agitators“ seien für die Proteste verantwortlich, ist jedoch die historische Einordnung dieses Vorwurfes und seiner Funktion heute wie auch in der Vergangenheit: Während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung stellten Politiker*innen, Polizei und Medien die Proteste gegen Segregation regelmäßig als das Werk von „Outside Agitators“ dar.

Die Freedom Riders als “Outside Agitators”

Im Frühjahr 1961, beispielsweise, machten sich die sogenannten Freedom Riders per Bus auf den Weg von Washington D.C. nach New Orleans. Ihr Ziel war es, die Entscheidung des Supreme Courts, dass Segregierung in öffentlichen Verkehrsmitteln und Warteräumen illegal sei, durchzusetzen. Der Grundgedanke dieser Protestform war es, die Sichtbarkeit von kleinen, lokalen Protestbewegungen junger Aktivist*innen zu verstärken.[8]

Während die Freedom Riders, ähnlich wie der Reverend Dr. Martin Luther King Jr., heute gerne als mutige Visionäre gehuldigt werden und sie nicht selten dafür instrumentalisiert werden, heutigen Aktivist*innen wahrmachen zu wollen, dass gewaltfreier Aktivismus die richtige und einzig wirksame Methode sei, wurden die Freedom Riders in den 1960er Jahren ironischerweise selbst als „Outside Agitators“ diffamiert, die lediglich Unruhe, Gewalt und Chaos verursachen wollten.[9] Während viele Pressestimmen Desegregierung als grundsätzlich gut hießen und zumindest theoretisch unterstützten, wurde die Methode der Freedom Riders als zu radikal, gefährlich oder auch als dumm und naiv dargestellt. Hier war vor allem die Darstellung der Aktivist*innen als „Outsider“ maßgebend, um die Legitimität der Aktivist*innen und ihrer Aktionen in Frage zu stellen. Dieses Verständnis von den Freedom Riders als „Outside Agitators“ schlug sich laut einer Gallup Umfrage auch in der Gesamtgesellschaft nieder: Während 66% der befragten US-Amerikaner*innen der Entscheidung des Supreme Courts zustimmten, dass Segregierung in öffentlichen Verkehrsmitteln verboten sein sollte, unterstützten lediglich 24% der Befragten die Freedom Riders, die sich für eine Durchsetzung genau dieser Entscheidung einsetzten.[10]

Ähnlich wie im aktuellen Fall, waren die Behauptungen, dass die Freedom Riders aus dem Norden kämen und im Grunde nichts mit der Situation im Süden zu tun hätten, ebenfalls nicht haltbar. Wie der Historiker Raymond Arsenault in seiner umfassenden Geschichte über die Freedom Riders zeigt, waren vielfältige Aktivist*innen an den Freedom Rides beteiligt: Neben (nicht nur weißen) Aktivist*innen aus dem Norden, waren rund 40% der Aktivist*innen schwarze Bewohner*innen der Südstaaten der USA und somit alles andere als „Outsiders“.[11]

Dr. Martin Luther King Jr. als „Outside Agitator“

Die Bezeichnung der „Outside Agitators“ als Kampfbegriff gegen antirassistische Bewegungen war aber nicht nur Gruppen wie den Freedom Riders vorbehalten. Auch afroamerikanische Aktivist*innen, die selbst aus den Südstaaten stammten, mussten sich als „Outside Agitators“ bezeichnen lassen.

Während der Proteste für das Wahlrecht für schwarze US-Amerikaner*innen im Jahre 1965, bezeichnete etwa James Clark, seinerseits Sheriff von Dallas County in Alabama, Dr. Martin Luther King Jr. als „Outside Agitator“. Er behauptete, dass die schwarze Bevölkerung seiner Stadt sich nicht an den Protesten für das Wahlrecht beteiligen würde, sondern mit ihrer Situation zufrieden sei. Stattdessen würden sie von „Outside Agitators“ wie Dr. Martin Luther King Jr. dazu genötigt, an den Protesten teilzunehmen; es sei Kings Taktik Unruhe und Chaos in die Bevölkerung zu bringen.[12]

Damals wie heute dienen die Versuche, antirassistischen Protest als das Werk externer Kräfte zu verdrehen also nicht nur dem Ziel, den Protest zu delegitimieren, sondern auch Zweifel zu sähen, die lokale Community hätte überhaupt einen Grund dafür auf die Straße zu gehen.

Red-Baiting Antiracism: Kommunisten damals, Anarchisten und Antifas heute

Die zweite und eng verknüpfte Strategie zur Delegitimierung von Protest – damals wie heute – besteht regelmäßig darin, die „Outside Agitators“ als radikale Linke zu diffamieren. Wurden – weiße wie afroamerikanische – Vertreter*innen der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er regelmäßig als Kommunist*innen diffamiert, so sind es heute Begriffe wie „Linksradikale“, „Anarchisten“ und „Antifas“ die ins Feld geführt werden, um die Bewegung zu spalten und in der Öffentlichkeit zu diskreditieren.

Auch der bereits erwähnte Sheriff James Clark nutzte diese Strategie zur Bekämpfung der Bürgerrechtsbewegung in Selma, Alabama; etwa indem er behauptete, dass ungefähr ein Viertel der Demonstrant*innen Kommunist*innen und die Hälfte zumindest pro-kommunistisch seien.[13] Und das White Citizens‘ Council, eine White Supremacy Organisation, verbreitete mehr als 200 Plakate im Süden der USA, auf denen Dr. Martin Luther King Jr. mit Kommunismus assoziiert wurde.[14]

Heute greifen Trump und andere nun auf die Behauptung zurück, Anarchist*innen und ‚die‘ Antifa steckten hinter den Protesten. Wie damals haben diese Unterstellungen dieselbe Funktion: In den Augen der breiten Öffentlichkeit soll der Protest delegitimiert werden, während andererseits rechte und rechtsradikale Kräfte gegen die Demonstrationen mobilisiert werden. Und gleichzeitig geht es darum, die soziale Bewegung selbst zu spalten, indem Zweifel über die Motive der verschiedenen beteiligten Akteure gesät wird: Afroamerikaner*innen soll hier eingeredet werden, dass ihr Anliegen von weißen Radicals übernommen worden ist und der Protest damit nicht mehr der ihre ist; und Weiße sollen gleichzeitig von der Beteiligung an Demonstrationen abgeschreckt werden – durch das Argument, dass die Proteste gar nicht von den Betroffenen ausgingen.

Dass linke Aktivist*innen – inklusive Antifaschist*innen – damals wie heute Seite an Seite mit afroamerikanischen Aktivist*innen gegen rassistische Unterdrückung kämpften und kämpfen, ist unumstritten. Dass die Proteste jedoch von diesen gelenkt oder vereinnahmt sind, entbehrt nicht nur jeglicher Grundlage, sondern macht afroamerikanische Aktivist*innen unsichtbar – und die politisch radikalen schwarzen Aktivist*innen unter ihnen umso mehr – und leugnet die oftmals jahrelange und kontinuierliche Zusammenarbeit von afroamerikanischen und weißen antirassistischen Aktivist*innen sowie den kontinuierlichen und aktiven Widerstand afroamerikanischer Aktivist*innen gegen Rassismus. Medien, die Argumente und Tweets wie die von Präsident Trump unkommentiert und ohne jeglichen (historischen) Kontext zitieren, machen sich damit letztlich mitschuldig, die gegenwärtigen Proteste nicht als radikales Aufbegehren afroamerikanischer Aktivist*innen – und ihrer antirassistischen Unterstützer*innen verschiedenster ethnischer Herkunft – gegen systemische rassistische Gewalt anzuerkennen, sondern Zweifel und gezielte Desinformation über diese weiterzuverbreiten. Statt die Tweets des Präsidenten und die Pressemittelungen von Polizeivertretern unhinterfragt zu stenographieren, täten Medienvertreter*innen gut daran, Geschichtsbewusstsein zu beweisen sowie den antirassistischen Aktivist*innen zuzuhören, anstatt ihre Existenz durch das Zitieren von haltlosen Aussagen infrage zu ziehen.


Dr. Viola Huang (Ph.D., Columbia University Teachers College) ist Historikerin & Amerikanistin an der Universität Passau. Ihre Forschung befasst sich mit den Civil Rights und Black Power Movements, sowie der Darstellung dieser Bewegungen in Medien, Öffentlichkeit und Geschichtskultur.


[1] „US-Krawalle. Trump fordert mehr Härte von den Gouverneuren,“ ZDF.de, 01.06.2020, www.zdf.de/nachrichten/politik/usa-proteste-floyd-trump-demokraten-102.html [letzter Zugriff: 02.06.2020] (Quelle: AP, dpa).

[2] „Protest gegen Polizeigewalt. Erneut Ausschreitungen in den USA,“ Tagesschau.de, 31.05.2020, https://www.tagesschau.de/ausland/george-floyd-109.html [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[3] Julia Kastein, „Nach Tod von George Floyd. Der Protest weitet sich aus,“ Tagesschau.de, 31.05.2020, https://www.tagesschau.de/ausland/george-floyd-113.html [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[4] „Nach Aufständen in US-Städten. Trump will die „Antifa“ als Terrororganisation einstufen,“ Tagesspiegel, 31.05.2020, https://www.tagesspiegel.de/politik/nach-aufstaenden-in-us-staedten-trump-will-die-antifa-als-terrororganisation-einstufen/25876538.html [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[5] Patrick Gensing, „Fakes zu Protesten in den USA. Die ‘Antifa-Soros-Verschwörung,’“ Tagesschau.de, 2.6.2020, https://www.tagesschau.de/faktenfinder/minneapolis-usa-geruechte-fakes-101.html [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[6] Sanya Mansoor, “Local Officials and Trump Were Quick to Blame Out-of-State Agitators for Minneapolis‘ Violent Protests. Arrest Records Suggest Otherwise,” Time, 31.5.2020, time.com/5845680/out-of-state-agitators-minnesota-george-floyd-protests-barr/ [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[7] Ken Klippenstein, “The FBI Finds ‘No Intel Indicating Antifa Involvement’ in Sunday’s Violence,” The Nation, 2.6.2020, https://www.thenation.com/article/activism/antifa-trump-fbi/ [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[8] Clayborne Carson, et al., The Eyes on the Prize Civil Rights Reader: Documents, Speeches, and Firsthand Accounts from the Black Freedom Struggle (London: Penguin Books, 1991), 108.

[9] Raymond Arsenault, Freedom Riders: 1961 and the Struggle for Racial Justice (New York: Oxford University Press, 2006), 7.

[10] Ibid., 5: “According to a Gallup Poll conducted in late May and early June 1961, 66 percent of Americans agreed with the Supreme Court’s recent ruling “that racial segregation on trains, buses, and in public waiting rooms must end,” but only 24 percent approved “of what the ‘freedom riders’ are doing.” When asked if sit-ins, Freedom Rides, and “other demonstrations by Negroes” would “hurt or help the Negro’s chances of being integrated in the South,” only 27 percent of the respondents thought they would help.”

[11] Ibid., 7.

[12] “Filmed interview with Sheriff James G. (Jim) Clark for Eyes on the Prize 1,” Washington University in St. Louis, University Libraries, 19.02.1986, http://repository.wustl.edu/concern/videos/5425kc63t [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[13] Ash J @AshAgony, “#TBT 1965: Sheriff Jim Clark of Alabama talks about MLK’s marches, „outside agitators,“ & the large communist presence at protests,” https://twitter.com/AshAgony/status/779151649994579968 [letzter Zugriff: 02.06.2020].

[14] Glenn Houlihan, “Don’t Fall for the Myth of the “Outside Agitator” in Racial Justice Protests,” Jacobin, 31.05.2020, https://www.jacobinmag.com/2020/05/outside-agitator-racial-justice-protests-minneapolis-george-floyd [letzter Zugriff: 02.06.2020].

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