Gestürzte Statuen von Rassisten: Angewandte Auseinandersetzung mit der Geschichte

Das enthauptete Denkmal Christopher Columbus‘ oder die umgestürzten Statuen von Südstaaten-Generälen in den USA, die versenkte Statue eines Sklavenhändlers in Großbritannien, Graffiti auf Denkmälern diesseits und jenseits des Atlantiks: die aktuellen Aktionen antirassistischer Aktivist*innen gegen Artefakte der weißen Erinnerungskultur lösen hier wie dort kontroverse Debatten aus.[1] Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es den Aktivist*innen an Geschichtsbewusstsein fehle. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Denkmäler – alles andere als neutrale Geschichte

Anders als Museen oder Gedenkstätten haben Denkmäler nicht die Aufgabe, (Geschichts-)Wissen zu vermitteln. Vielmehr erinnern sie explizit und im öffentlichen Raum an Personen oder Ereignisse und sind somit Dokumente der Erinnerungskultur einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Kultur. Mahnmale zum Beispiel dienen als Erinnerung sowohl an die Opfer als auch daran, dass ähnliches sich nicht wiederhole. Denkmäler für Personen erheben diese Individuen zu Vorbildern und würdigen sie für historische Handlungen, die wir für einen positiven Beitrag zu (unserer) Gesellschaft halten. Damit sind Denkmäler nicht neutral, sondern drücken dezidiert Werte der jeweiligen Gesellschaft aus, in der sie errichtet wurden; aber auch Mythen darüber, wer diese Gesellschaft ist oder sein möchte. Sie verweisen nicht einfach auf Vergangenheit, sondern dienen der Selbstvergewisserung darüber, wer „wir“ sind, sein wollen und woher „wir“ angeblich kommen.

Abwertung, Ausgrenzung und symbolische Gewalt gegen Schwarze

Monumente und Denkmäler der Südstaaten-Generäle in den USA sind damit gleich auf zwei Ebenen andauernde, symbolische Gewalt gegen die schwarze Bevölkerung: Zum einen erinnern sie an die Sklaverei und damit an eine Epoche der expliziten Gewalt gegen Schwarze. Zum anderen entstanden sie in einer Zeit, in der sich die Ideologie weißer Vorherrschaft ihrer selbst versichern musste – in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts [2].

(Quelle: Volunteer Marek / CC BY-SA)

Hatten Schwarze direkt nach Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1865 politische Rechte und gesellschaftliche Teilhabe erhalten, so bekämpfte das weiße Establishment der Südstaaten dies massiv und immer erfolgreicher im späten 19. Jahrhundert: Lokale Gesetze der rassistischen Segregation verdrängten Schwarze aus dem öffentlichen Leben, degradierten sie zu Menschen zweiter Klasse und entzogen ihnen das gerade erfochtene Wahlrecht. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte rassistische Gewalt in Form von Lynchjustiz einen neuen Höhepunkt.

Die Denkmäler, die genau zu dieser Zeit entstanden, waren ein öffentlich zur Schau gestelltes Bekenntnis zu White Supremacy und flankierten symbolisch und ideologisch die erneute Entrechtung der schwarzen Bevölkerung. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die American Historical Association, die etwa 12.000 Historiker*innen repräsentiert, in einem Positionspapier von 2017[3]:

“Memorials to the Confederacy were intended, in part, to obscure the terrorism required to overthrow Reconstruction, and to intimidate African Americans politically and isolate them from the mainstream of public life.”

„Denkmäler an die Konföderation verfolgten die Absicht, den Terror des Umsturzes der Reconstrucion-Ära zu verschleiern, Afroamerikaner*innen politisch einzuschüchtern sowie sie vom öffentlichen Leben fernzuhalten“.

Folgerichtig ist es auch kein Zufall, dass Mitte der 1950er und 1960er erneut Denkmäler für Südstaaten-Repräsentanten aufgestellt wurden: Auch hier handelte es sich um eine Antwort auf den Kampf um Bürgerrechte, auch zu dieser Zeit versuchten diese Staaten politisch – und teils mit roher Gewalt – die Segregation und den Ausschluss der schwarzen Bevölkerung aufrechtzuhalten. Diese öffentlichen Denkmäler sind damit in ihrem Inhalt, ihrem Ursprung und ihrer Absicht nach – wie auch in ihrer Rezeption durch die Betroffenen – Abwertung, Ausgrenzung und symbolische Gewalt gegen die schwarze Bevölkerung.

Die Verteidigung der Statuen ist die Verteidigung des rassistischen Status Quo

Genau aus dem Grund lassen sich Zerstörung, Demontage und Umwidmung dieser Statuen eher als angewandte Auseinandersetzung mit Geschichte verstehen. Gerade diejenigen, die sich seit Jahren für das Entfernen von Sklaverei- und Segregations-verherrlichenden Monumenten aus dem öffentlichen Raum einsetzen, verfügen also sehr wohl um detailliertes historisches Wissen und ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein.

Im Gegensatz dazu beweisen jene, die sich für den Erhalt der Südstaaten-Denkmäler aussprechen, ein fragwürdiges Verständnis von Geschichte. Denn entweder leugnen sie die Geschichte rassistischer Gewalt. Oder aber sie verteidigen genau diese Geschichte.

Kreativer Ausdruck von Geschichtsbewusstsein

Entgegen der Behauptung, die Demontage der Denkmäler lösche die Geschichte aus, waren es ja gerade diese spontanen Zerstörungen, die eine Debatte über Geschichte ausgelöst haben; eine Debatte, die tiefer und weitreichender ist, als es Jahrzehnte von Petitionen und lokalen Initiativen je konnten. Die aktuellen Aktionen gegen diese Monumente entfalten enorme Wirkung.

Dass die Statue eines Sklavenhändlers, der für die Verschleppung und den Tod Tausender verantwortlich ist, nun im Hafenbecken von Bristol liegt, verfügt über eine kaum zu leugnende symbolische Strahlkraft. Ein Guardian-Reporter bringt diesen Gedanken wie folgt auf den Punkt:

Aber auch die aktuellen Aktionen sind Zeugen ihrer – unserer – Zeit. Die Zerstörung und Veränderung der Denkmäler sollten genau in diesem Zusammenhang gelesen werden. Der Müllhaufen der Geschichte ist keinesfalls der richtige Aufbewahrungsort für alle Denkmäler von Sklavenhändlern oder Konföderierten. Aus geschichtsdidaktischer Sicht stimme ich stattdessen dem Bürgermeister von Bristol zu, der vorschlägt, dass ein Museum eine angemessene Heimat für einige dieser Statuen sein könnte.[4] Dort könnte dann eine Informationstafel über die Statue und ihre Geschichte aufklären; und darüber, dass selbst bis ins Jahr 2020 Teile der Öffentlichkeit die Ehrung eines Sklavenhändlers für eine legitime Position hielten.


Dr. Viola Huang (Ph.D., Columbia University Teachers College) ist Historikerin & Amerikanistin an der Universität Passau. Ihre Forschung befasst sich mit den Civil Rights und Black Power Movements, sowie der Darstellung dieser Bewegungen in Medien, Öffentlichkeit und Geschichtskultur.


[1] Tagesschau.de: “Streit um koloniales Erbe Wie zeitgemäß sind Europas Denkmäler?“ 14.06.2020. https://www.tagesschau.de/ausland/kolonial-denkmaeler-101.html [letzter Zugriff: 15.06.2020].

[2] Southern Poverty Law Center: “Whose Heritage? Public Symbols of the Confederacy.” 01.02.2019. https://www.splcenter.org/20190201/whose-heritage-public-symbols-confederacy#findings [letzter Zugriff: 15.06.2020].

[3] American Historical Association: “AHA Statement on Confederate Monuments (August 2017).” 28.08.2017. https://www.historians.org/news-and-advocacy/aha-advocacy/aha-statement-on-confederate-monuments [letzter Zugriff: 15.06.2020]

[4] ORF.at: „Kritik und Lob nach Denkmalsturm in Bristol.“ 08.06.2020. https://orf.at/stories/3168831/ [letzter Zugriff: 15.06.2020] (Quelle: red, ORF.at/Agenturen)

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