No Justice – No Hoops. US-Athleten im antirassistischen Streik.

Der Streik der Basketballprofis in den USA gegen Rassismus entspringt einem wachsenden Machtbewusstsein. Zudem sind viele Akteure selbst betroffen.

Markus Gerke & Viola Huang

Eine gekürzte Version des Artikels erschien in der taz vom 05.09.2020 als „Radikaler Protest der NBA-Basketballer: Auf dem Feld der Konfrontation.“

Der Spielbetrieb ruhte für drei Spieltage, mitten in der ersten Runde der Playoffs. Nur ein Tag nachdem Milwaukee-Bucks Superstar Giannis Antetokounmpo offiziell als bester Defensiv-Spieler der Saison ausgezeichnet wurde und Minuten bevor sein Team mit einem weiteren Sieg den Einzug in die nächste Playoff-Runde hätte sicherstellen können, entschieden sich die Spieler nicht anzutreten – aus Protest gegen rassistische Gewalt in den USA. Diesem politischen Streik schlossen sich wenig später ihre Gegner der Orlando Magic wie auch die Spieler der anderen NBA-Partien an. Im Laufe des Abends folgten Sportlerinnen und Sportler anderer Ligen dem Vorbild ihrer NBA-Kollegen. Kurzzeitig lag gar die Idee eines dauerhaften Streiks auf dem Tisch.

Dieser Akt des Widerstands, der sich wohl als wilder Streik bezeichnen lässt, war eine Antwort auf einen erneuten Fall polizeilicher Gewalt gegen einen Schwarzen US-Bürger sowie auf die sich anschließenden Proteste. Am Sonntag, den 23. August, war der 29-jährige Jacob Blake von einem Polizeibeamten sieben Mal in den Rücken geschossen worden. Die Tat ereignete sich in Kenosha im US-Bundestaat Wisconsin, 45 Autominuten entfernt von der Spielstätte eben jener Milwaukee Bucks. Im Verlaufe der anschließenden Proteste und Ausschreitungen erschoss dann in der Nacht zum Mittwoch ein 17-jähriges Mitglied einer rechten Bürgerwehr zwei Demonstranten und verletzte einen weiteren schwer.[1]

Es sind diese Vorfälle wie auch das gesellschaftliche Klima in den USA insgesamt, die die Spieler zu diesem drastischen Schritt veranlasst haben. Trotz wochenlanger antirassistischer Proteste sind grundlegende Reformen kaum in Sicht. Und auch im Fall Jacob Blake wurde bislang keine Anklage gegen den Beamten, der die Schüsse abgegeben hatte erhoben. In einem Statement, das Spieler der Bucks im Laufe des Abends vor der Presse verlasen, klagen die NBA-Profis dieses Versagen staatlicher Institutionen an:  

„Immer wenn wir auf dem Spielfeld Milwaukee und Wisconsin repräsentieren, […] wird von uns erwartet, dass wir maximalen Einsatz zeigen und gegenseitig für einander verantwortlich sind. Wir legen diesen Maßstab an uns selbst an, und jetzt verlangen wir das Gleiche von unseren Abgeordneten und Strafverfolgungsbehörden.

„Wir fordern Gerechtigkeit für Jacob Blake und verlangen, dass die Polizeibeamten zur Rechenschaft gezogen werden. Damit dies geschieht, ist es zwingend erforderlich, dass das Parlament von Wisconsin nach Monaten der Untätigkeit wieder zusammenkommt und sich der Themen Polizeiverantwortung, Polizeigewalt und Strafjustizreform annimmt. Wir ermutigen alle Bürgerinnen und Bürger sich selbst zu informieren, sich gewaltfrei und verantwortungsvoll einzusetzen, und am 3. November zu wählen.“[2]

NBA-Ruhm schützt nicht vor Rassismus und Polizeigewalt

Es gibt jedoch auch weitere Gründe, die erklären, warum ausgerechnet die Milwaukee Bucks genau jetzt den Stein für diesen politischen Streik der NBA-Spieler zum Rollen gebracht haben. Denn der aktuelle Protest kommt keinesfalls aus dem Nichts: Im Januar 2018 verhafteten mehrere Beamte des Milwaukee Police Department gewaltsam und unter Einsatz einer Elektroschockpistole den afroamerikanischen Bucks-Spieler Sterling Brown – wegen eines Parkvergehens. Brown hatte keinen Widerstand geleistet und selbst der Polizeipräsident Milwaukees gab später öffentlich zu, bei dem Einsatz habe es sich um unangemessene Gewaltanwendung seitens der Polizisten gehandelt.[3] Der Trainer der Bucks, Mike Budenholzer, hatte sich wiederum bereits 2015 als damaliger Coach der Atlanta Hawks hinter seinen Spieler Thabo Sefolosha gestellt, nachdem Beamte der NYPD diesen verhaftet, falsch beschuldigt und dessen Wadenbein gebrochen hatten.

Auch weitere Vorfälle haben der NBA-Öffentlichkeit kürzlich einmal mehr den strukturellen Rassismus und die Kadermentalität der Polizei vor Augen geführt: Im Juni 2019 wurde ein Polizist gegenüber Masai Ujiri, dem afrokanadischen Präsidenten der Toronto Raptors, handgreiflich. Obwohl sich der Vorfall mitten in einer Sportarena vor 20.000 potentiellen Zeug*innen zugetragen hatte, obwohl NBA und Team anwaltliche und investigative Ressourcen zur Aufklärung hätten mobilisieren können, behauptete die Polizei monatelang, der Schwarze sei der Aggressor gewesen, verklagte Ujiri gar auf Schadenersatz. Endgültig widerlegt wurde die Darstellung der Polizei nun durch das Body-Cam-Video, das erst jetzt, im August 2020, veröffentlicht wurde. Die Polizei hatte behauptet, ein solches Video existiere nicht.

Die Radikalisierung der Spieler: Von Symbolpolitik zum politischen Streik.

Wer die NBA über die vergangenen Wochen, Monate und Jahre verfolgt hat, weiß, dass prominente Spieler seit mehreren Jahren ihre öffentliche Plattform nutzen, um gegen rassistische Polizeigewalt zu protestieren. Lange war dieser Aktivismus jedoch auf einzelne Statements über Social Media Kanäle, gelegentliche Interviews, die finanzielle Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen oder symbolische Gesten im Kontext von Spielen, etwa das Tragen von Kleidung mit Black Lives Matter Schriftzug, beschränkt. Spätestens der Mord an George Floyd durch Polizeibeamte in Minnesota vor nunmehr drei Monaten und die anschließend wiedererstarkte antirassistische Protestbewegung hat jedoch auch die Profisportlerinnen und Profisportler in den US radikalisiert. NBA-Spieler beteiligten sich in verschiedenen Städten an Black Lives Matter Demonstrationen, riefen zu Protesten und zur Wahlregistrierung auf. LeBron James und andere Spieler gründeten eine Initiative, die dafür Sorge tragen soll, dass marginalisierte Bevölkerungsgruppen ihr Wahlrecht im November wahrnehmen können.[4]

Während der Verhandlungen um eine Wiederaufnahme der NBA-Saison nach mehrmonatiger Corona-Pause im Frühsommer äußerten mehrere prominente Spieler Bedenken, ihr Sport könnte von der Protestbewegung ablenken. Daher knüpfte die NBA-Spielergewerkschaft ihre Einwilligung zum Neustart der Spiele an die Bedingung, die Basketballsaison müsse auch zur Plattform für soziale Gerechtigkeit werden. So prangt seit Wiederaufnahme der Spiele ein großer Black Lives Matter Schriftzug auf dem Parkett, auf vielen der Trikots ersetzen Slogans wie „Equality,“ „Black Lives Matter,“ oder „Justice“ die Spielernamen, und Spieler wie Trainer nutzen ihre Interviews regelmäßig, um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen.

Konfrontativere Aktionsformen wählten bereits die Basketballerinnen der WNBA während ihrer Saison. Da Slogans auf T-Shirts und das gemeinsame Knien während der amerikanischen Nationalhymne kaum noch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zogen, verließen die Teams am ersten Spieltag kollektiv das Spielfeld vor dem Abspielen der Hymne und erzeugten so weitreichendes Medienecho.[5] Und nachdem die US-Senatorin und Mitbesitzerin des WNBA-Teams Atlanta Dream Kelly Loeffler die Black Lives Matter Bewegung kritisiert hatte, begaben sich die Spielerinnen in offenen Konflikt zu ihrer eigenen Arbeitgeberin: Nicht nur forderten sie öffentlich dazu auf, den Demokratischen Gegenkandidaten um Loefflers Senatssitz zu wählen, sondern verlangten von der Republikanerin auch, ihren Teamanteil aufzulösen, da ihre Werte nicht mit denen der Liga und Spielerinnen kompatibel seien.[6] Diese Bereitschaft zu direkteren und konfrontativen Protesten aufseiten ihrer Kolleginnen dürfte auch dazu beigetragen haben, dass nun auch die Stars der NBA größere Risiken eingehen, um die antirassistische Bewegung zu unterstützen.

Die Schüsse auf Jacob Blake und die Nicht-Anklage der Polizeibeamten führte den Spielern einmal mehr vor Augen, dass die bisherigen Protestformen offensichtlich nicht ausreichend waren, um gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten. Kurz vor dem Streik deutete Toronto Raptors-Spieler Fred VanFleet die Möglichkeit radikalerer Protestformen an:

„Was sind wir bereit aufzugeben? Interessiert es uns tatsächlich einen Scheiß, was gerade passiert? Oder ist es einfach nur hip, einen Black Lives Matter Schriftzug im Hintergrund zu haben oder ein T-Shirt zu tragen?“

Diese Frage beantworteten die Spieler und Spielerinnen wenige Stunden später auf eindeutige Weise. Die Basketball-Profis zeigen, dass sie sich nicht nur ihrer enormen öffentlichen Reichweite, sondern nunmehr auch ihrer ökonomischen Macht als Sport-Arbeitende bewusst sind. Nach Jahren der Statements und Verhandlungen setzten sie diese Macht jetzt ein, um Druck auf Politik und ihre Arbeitgeber – ihrerseits bestens vernetzte und einflussreiche Teambesitzer – auszuüben, um nachhaltige politische und gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen.

Denn trotz aller Proteste auf der Straße und im Profisport bleiben zentrale Forderungen unerfüllt. Stattdessen stellt sich die US-Regierung in Worten und Taten der Black Lives Matter Bewegung entgegen: Ein Tag bevor in Kenosha ein Mitglied einer rechten Bürgerwehr zwei Demonstranten erschoss, hatten Mark und Patricia McCloskey auf dem Parteitag der Republikaner gesprochen. Politischer „Verdienst“ des Ehepaares besteht einzig darin, eine Black Lives Matter Demonstration, die an ihrem Grundstück vorbeizog, mit Schusswaffen bedroht zu haben. Und allen Forderungen der Black Lives Matter Bewegung sowie der Spielerinnen der WNBA und NBA-Spieler zum Trotz, wurden bis heute die Polizeibeamten, die die 26-jährige Breonna Taylor im März dieses Jahres in ihrer Wohnung in Louisville, Kentucky erschossen, weder verhaftet noch angeklagt. Dass auch der zuständige Generalstaatsanwalt des Bundestaates Kentucky zu den Rednern auf dem Parteitag der Republikaner zählte, kann nur als Schlag ins Gesicht der antirassistischen Aktivist*innen verstanden werden.

Wiederanpfiff: Reform statt Revolte?

Seit Samstag, den 30.08., laufen die NBA-Playoffs wieder, nach drei Tagen ohne Spiele. Liga und Spieler hatten sich auf ein Fortsetzen der Saison geeinigt, der ehemalige Präsident Barack Obama war als Berater hinzugezogen worden. Statt in einen dauerhaften Streik zu treten, haben die Spieler, Liga, Team-Besitzer und TV-Sender zu weiteren reformistischen Zugeständnissen gedrängt: Erstens werden die Teams ihre Stadien im November als Wahllokale zur Verfügung stellen, zweitens werden die TV-Sender von nun an Werbespots zu Wahlrecht und Antirassismus während aller verbleinender Playoff-Spiele aussenden. Und drittens etabliert die Liga eine sogenannte Kommission zu sozialer Gerechtigkeit, die sich aus Spielern, Trainern und Team-Besitzern zusammensetzt, und die gemeinsam über weiteres Engagement der NBA entscheiden wird.[7] In vielerlei Hinsicht sind diese Verhandlungsergebnisse lediglich eine Fortführung dessen, was die Spielergewerkschaft bereits vor der ursprünglichen Fortsetzung der Liga im Juli erstritten hatte: Materielle wie symbolische Projekte der Liga, welche soziale Gerechtigkeit und das Recht auf freie Wahlen fokussieren und die in der Tendenz eher darauf abzielen, die Öffentlichkeit zu informieren oder die Bevölkerung darin unterstützen sollen, ihr (Wahl-)Recht wahrzunehmen. Auch wenn diese Zugeständnisse nicht zu verachten sind, so vermeiden sie letztlich auch eine wirklich politische Auseinandersetzung – nach dem Vorbild der WNBA-Spielerinnen, die sich öffentlich von einer Team-Besitzerin distanzierten – zu forcieren: Einerseits wird Liga und Team-Besitzer ein Bekenntnis zum Kernanliegen der Black Lives Matter Bewegung und eine monetäre Investition in Wahlrechtskampagnen und antirassistische Nichtregierungsorganisationen abgerungen. Andererseits sind jedoch einige genau dieser Team-Besitzer bestens mit der US-Regierung vernetzt. Besitzer der Orlando Magic etwa ist die DeVos-Familie, Gründer des Netzwerkmarketing-Unternehmens Amway und regelmäßige Großspender an Republikanische Kampagnen; Betsy DeVos ist ihrerseits Bildungsministerin im Kabinett Trump und forciert in dieser Rolle die weitere Privatisierung des Bildungssystems.

Zwar bleibt die Gefahr, dass es sich bei diesen neuen Initiativen einmal mehr um zahnlose Gesten handeln könnte. Dennoch ist es aber als Erfolg der NBA-Athleten zu werten, diese in Teilen konservativen, marktradikalen und trumpistischen Team-Besitzer zu Zugeständnissen in einem Konflikt um Antirassismus und soziale Gerechtigkeit genötigt zu haben. Der politische Streik der Spieler zeigt eindrücklich, dass Sport nicht nur Unterhaltungsprodukt, sondern auch Feld gesellschaftlicher Konflikte ist und dass die Athleten bereit sind, ihr Spielfeld zur Solidarität mit sozialen Bewegungen zu nutzen. Die sozialen Bewegungen auf der Straße mag der Widerstand der NBA-Spieler daran erinnern, dass eine kollektive Verweigerung – in Form von Streiks oder Boykotten – politische Macht entfalten kann.


Markus Gerke ist Sportsoziologe an der Universität Gießen und Doktorand an der State University of New York in Stony Brook. Er forscht zu politischem Aktivismus im Sportkontext.

Dr. Viola Huang ist Historikerin & Amerikanistin an der Universität Passau. Ihre Forschung befasst sich mit der Geschichte afroamerikanischer sozialer Bewegungen.


[1] Mark Guarino, Mark Berman, Jaclyn Peiser and Griff Witte: 17-year-old charged with homicide after shooting during Kenosha protests, authorities say. The Washington Post, 26.08.2020: https://www.washingtonpost.com/nation/2020/08/26/jacob-blake-kenosha-police-protests/

[2] https://twitter.com/Bucks/status/1298763794986995718

[3] Sterling Brown stungun arrest: Milwaukee police apologize to NBA player. The Guardian, 24.05.2018: https://www.theguardian.com/us-news/2018/may/24/sterling-brown-stungun-arrest-milwaukee-police-apologize-to-nba-player.

[4] Dan Adler: LeBron James Isn’t Just Getting Out the Vote—He’s Aiming to Reform It. Vanity Fair, 11.06.2020: https://www.vanityfair.com/style/2020/06/lebron-james-voting-rights-organization

[5] Bryan Armen Graham: WNBA players walk off court during national anthem before season opener. The Guardian, 25.07.2020: https://www.theguardian.com/sport/2020/jul/25/liberty-storm-anthem-protest-breonna-taylor

[6] WNBA players urge people to vote against Atlanta team owner in senate race. PBS, 05.08.2020: https://www.pbs.org/newshour/politics/wnba-players-urge-people-to-vote-against-atlanta-team-owner-in-her-senate-race

[7] Dave McMenamin: LeBron James, Chris Paul received advice from Barack Obama during stalemate. ESPN, 29.08.2020: https://www.espn.com/nba/story/_/id/29762633/lebron-james-chris-paul-received-advice-barack-obama-stalemate

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